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Hamburg/Berlin | «Pokémon Pokopia»: Gemütlichster Weltuntergang aller Zeiten

Pokémon Company/dpa-tmn | Das von Chefkoch Schlaraffel (zweiter von links) zubereitete Essen ist angerichtet und die Pokémon genießen es gemeinsam - guten Appetit!

Angespielt

Hamburg/Berlin (dpa/tmn) - In «Pokémon Pokopia» zeigen die Entwicklerstudios «Game Freak» und «Omega Force», wie sich das Phänomen «Pokémon» auf Nintendos bewährtes Spielprinzip aus der «Animal Crossing»-Reihe anwenden lässt.

Herausgekommen ist ein zuckersüßer Leckerbissen für alle, die sich schon lange ein gemütliches Lebenssimulationsspiel im «Pokémon»-Franchise gewünscht haben - angereichert mit einem überraschend ausgefeilten Bausystem und einer leicht melancholischen Geschichte.

Gestrandet in einer trostlosen Ruinenlandschaft

In dem Spiel schlüpft man in die Rolle eines Dittos. Dieses Pokémon hat die Eigenschaft, dass es sich mit seinem gallertartigen Körper in jede beliebige Form verwandeln kann. Zum Beispiel in andere Pokémon, Gegenstände oder sogar Menschen. Zu Beginn des Spiels erwacht Ditto in einer trostlosen Ruinenlandschaft. Wer die Kanto-Region aus den alten «Pokémon»-Spielen kennt, wird schnell merken, dass man sich hier inmitten der Trümmer von Fuchsania City befindet.

Der eigene Trainer ist spurlos verschwunden und Ditto hat sich in dessen menschliche Silhouette verwandelt und streift nun völlig verloren und allein durch diese verlassene Welt. Ein freundliches Tangoloss, das sich als eine Art Pokémon-Professor verkleidet hat, nimmt die Spielenden unter seine Fittiche und führt durch die ersten Schritte im Spiel. Gemeinsam beginnt man, die Region wiederaufzubauen in der Hoffnung, sowohl Pokémon als auch Menschen zurücklocken zu können.

Schaffe, schaffe, Pokémon-Habitate baue

Das Herzstück von «Pokémon Pokopia» ist ein blockbasiertes Aufbausystem, das stark an «Minecraft» erinnert. Die gesamte Spielwelt besteht aus Blöcken, die man abbauen, einsammeln und neu anordnen kann. Rohstoffe werden gesammelt, zu Bauteilen verarbeitet und dann zu Strukturen zusammengesetzt - von einem einfachen Blumenbeet bis hin zu ganzen Gebäuden. 

Wer lieber ohne große Eigenleistung und Kreativität vorankommen will, kann auch vorgefertigte Bausätze verwenden: Man liefert die Materialien, weist Helfer-Pokémon Arbeiten zu - und kurze Zeit später steht das Häuschen.

Ziel des Bauens ist es, geeignete Habitate für Pokémon zu schaffen. Jedes Pokémon hat eigene Vorlieben: So braucht etwa Glumanda eine warme, trockene Umgebung, Schiggy möchte in der Nähe von Wasser leben und Bisasam will mehr Licht auf seiner Wiese. Hat man die richtige Umgebung geschaffen, taucht das jeweilige Pokémon auf und zieht in das Habitat ein. Mit der Zeit entsteht so eine quirlige kleine Gemeinschaft.

Ditto als fantastischer Verwandlungskünstler

Die spielerische Besonderheit liegt in Dittos fantastischer Fähigkeit, sich in andere Pokémon zu verwandeln und dabei ihre Attacken zu erlernen. Früh im Spiel lehrt Schiggy etwa die sogenannte Aquaknarre, eine Fähigkeit, mit der man ausgetrockneten Boden bewässern und tote Bäume wieder grün werden lassen kann. Bisasam hat das Blattwerk zu bieten, um neues Gras aus verdorrtem Boden wachsen zu lassen. Später kann man sogar als Lapras über Wasser schwimmen oder als Dragoran durch die Luft gleiten.

All das wird mit großer Liebe zum Detail umgesetzt. Wenn Ditto die Aquaknarre benutzt, wächst ihm ein kleiner Schiggy-Panzer auf dem Rücken. Fällt man aus großer Höhe, platscht Ditto einfach als rosaroter Schleimklumpen auf den Boden - um sich sogleich wieder in Form zu bringen. Unterm Strich ist man im Spiel ein seltsames, formbares Wesen, das eine menschliche Hülle trägt - und das macht den Charakter so sympathisch.

Charakterstarke Pokémon: aufgedreht, vornehm oder freundlich

Ein großes Highlight sind die interessanten Persönlichkeiten der Pokémon im Spiel. Glurak ist erwartungsgemäß ein lautes, aufgedrehtes Wesen während sich etwa Honweisel vornehm und förmlich gibt. Tangoloss führt als freundlicher Ranken-Haufen durch die täglichen Aufgaben. Pokémon spielen miteinander Verstecken, reagieren auf Gegenstände, die man in der Welt platziert, und schließen untereinander Freundschaften. Weist man Pokémon an, einem zu folgen, hat man eine kleine Gruppe von Begleitern dabei, die einem etwa helfen, ein Lagerfeuer zu entfachen.

Besonders charmant sind die Momente, in denen Pokémon menschliche Artefakte entdecken - wie zum Beispiel ein Fahrrad, eine Karte oder ein altes Werkzeug - und wild spekulieren, wofür diese wohl gedacht sein könnten. Da die Pokémon für die spielende Person verständlich sprechen (ein im Pokémon-Universum ungewöhnliches Stilmittel, da Pokémon normalerweise lediglich ihren eigenen Namen zu sagen vermögen), wirken diese Szenen wie kleine Comedyeinlagen, die die Welt mit Leben füllen.

Eine überraschend emotionale Geschichte

Wer durch die Trümmer der Welt streift, findet Notizen, Tagebücher und versteckte Hinweise darauf, was mit der Welt passiert ist. Die Hintergrundgeschichte entfaltet sich in einem angenehmen Tempo - und berührt besonders jene, die die Kanto-Region kennen. Das Spiel nutzt gezielt die Vertrautheit mit der Originalregion: Man betritt eine Ruine und erkennt plötzlich, was dieser Ort einmal war.

Der Kontrast zwischen der fröhlichen Gegenwart und der tragischen Vergangenheit verleiht dem Spiel eine unerwartete Tiefe und gleichzeitig bittersüße Melancholie. Und der Soundtrack trägt wesentlich dazu bei. Bekannte Melodien aus alten «Pokémon»-Spielen werden aufgegriffen und ins Melancholische verkehrt - gerade vertraut genug, um Nostalgie zu wecken und gerade fremd genug, um zu zeigen, dass diese Welt nicht mehr dieselbe ist.

Fazit: Groß, komplex, langlebig - mit kleineren Kritikpunkten

«Pokémon Pokopia» ist deutlich umfangreicher, als es zunächst wirkt. Die Hauptstory lässt sich in circa 35 Stunden abschließen, und wer alle 300 Pokémon im Pokédex - einem Katalog für Pokémon - erfassen möchte, wird deutlich länger beschäftigt sein. Es gibt vier freischaltbare Hauptregionen mit unterschiedlichen Umgebungstypen, Habitaten und Pokémon-Arten.

Kleinere Kritikpunkte gibt es trotzdem: Das Lagersystem ist dezentral aufgebaut. So hat jede Region eigene Lagerkisten, ein übergreifendes Lager fehlt. Wer im späteren Spielverlauf bestimmte Materialien sucht, muss sich durch mehrere Ladebildschirme klicken. Zudem war die Spiel-Performance in unserem Test stark von der Version abhängig. Die digitale Version aus dem Nintendo-Online-Shop lud merklich schneller als die physische Version aus der Box.

«Pokémon Pokopia» kostet rund 80 Euro und ist freigegeben ab sechs Jahren (USK). Es ist aber kein einfaches Kinderspiel mit «Pokémon»-Anstrich, sondern eine ausgereifte Liebeserklärung an ein ganzes Genre - umgesetzt mit dem Charme eines der beliebtesten und größten Franchises der Welt.

© dpa-infocom, dpa:260322-930-852159/1

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