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Berlin | Gorillaz mit «The Mountain» zwischen Leben und Verlust

Reuben Bastienne-Lewis/Gorillaz/dpa | Die Musiker Damon Albarn (r) und Jamie Hewlett (l) von den Gorillaz mit ihren fiktiven Charakteren Noodle, Murdoc Niccals, Russel Hobbs, und 2D (v.l.).

Musik

Berlin (dpa) - Ob das manische Lachen in «Feel Good Inc.» oder die vier trockenen Hi-Hat-Schläge zu Beginn von «Clint Eastwood» – Gorillaz haben Popmomente geschaffen, die sofort erkannt werden. Seit mehr als 25 Jahren verbindet das virtuelle Projekt von Blur-Frontmann Damon Albarn und Zeichner Jamie Hewlett Musik, Storytelling, Animation und globale Kollaborationen zu einem eigenen Kosmos.

Mit ihrem neunten Studioalbum «The Mountain», das heute erstmals unter ihrem eigenen Label Kong Records erscheint, schlägt die Comic-Band um die fiktiven Charaktere 2D, Murdoc Niccals, Noodle und Russel Hobbs nun ein neues Kapitel auf. Die 15 Songs führen musikalisch einmal um die Welt und kreisen zugleich um ein zentrales Thema: Leben, Verlust und die Frage, was bleibt. 

Zu den Gästen zählen unter anderem Gitarrenlegende Johnny Marr, Sitar-Spielerin Anoushka Shankar, das US-Duo Sparks sowie die Rapper Yasiin Bey, früher bekannt als Mos Def, oder Black Thought von der legendären Hip-Hop-Band The Roots.

So klingt «The Mountain»:

Genregrenzen waren für Gorillaz noch nie entscheidend. Auch «The Mountain» mischt Pop, Hip-Hop, Elektronik, Rock und Weltmusik. Die 15 Tracks dauern knapp eine Stunde – und kommen kaum ohne prominente Mitwirkende aus.

Musikalisch ist das Album ein dichtes, vielschichtiges Geflecht aus internationalen Einflüssen. Indische Sitar-Klänge treffen auf Funk-Grooves, arabische Gesänge auf Hip-Hop-Beats, elektronische Flächen auf klassische Instrumente. Aufgenommen wurde an verschiedenen Orten rund um den Globus – von London über Indien bis nach New York.

Trotz der Vielzahl an Gästen wirkt das Album aus einem Guss. Das liegt auch daran, dass sich bestimmte Klangfarben – etwa die Sitar von Anoushka Shankar oder die Gitarren von Johnny Marr – wie ein roter Faden durch viele Songs ziehen. 

Darum geht es:

Thematisch gehört «The Mountain» zu den persönlichsten Gorillaz-Alben. Albarn und Hewlett verloren beide kurz vor den Aufnahmen ihre Väter. Viele Songs beschäftigen sich mit Abschied, Erinnerung und Vergänglichkeit – unterstützt durch posthume Beiträge von Weggefährten wie Soullegende Bobby Womack, Afrobeat-Pionier Tony Allen oder Mark E. Smith von The Fall.

Doch das Album bleibt nicht im Privaten stehen: Politische Spannungen, autoritäre Systeme, Desinformation und religiöse Heilsversprechen tauchen immer wieder auf. 

Das sagt die Band:

Zusammenarbeit bleibt das zentrale Prinzip der Gorillaz – und das war schon immer das Wesen einer klassischen Gorillaz-Platte. Die Mischung aus Künstlern unterschiedlicher Generationen und Kulturen sei entscheidend, um hinter den virtuellen Figuren echte menschliche Begegnungen hörbar zu machen, sagte Albarn dem Musikmagazin «Rolling Stone».

Auch visuell bleibt das Konzept konsequent. Das von Jamie Hewlett gestaltete Cover zeigt die vier Bandfiguren auf einem Berg über den Wolken – ein Bild für Übergang und Perspektive. Neue Technologien wie Künstliche Intelligenz sieht Hewlett zwar als mögliches Werkzeug, betont aber die Grenzen: Kunst brauche eine persönliche Handschrift, sonst könne man sich «nicht in sie verlieben».

Passend zum multimedialen Ansatz erscheint parallel zum Album ein animierter Kurzfilm mit dem Titel «The Mountain, The Moon Cave and The Sad God». Darin kämpfen sich die Cartoon-Figuren der Band durch eine düstere Dschungellandschaft auf dem Weg zum titelgebenden Berg – eine Reise, die vom Traum zum Albtraum wird.

Der Film feiert ebenfalls am 27. Februar Premiere. Laut Albarn wurden für die Produktion des Streifens Techniken verwendet, die für Animationsfilme in den 60er-Jahren benutzt wurden. Auch Charakter-Schöpfer Hewlett betonte kürzlich in einem Radio-Interview, dass keine Künstliche Intelligenz oder Computer für die Produktion des Films benutzt wurden: «Natürlich muss letztlich an einem Computer alles zusammengefügt werden, aber es wurde alles auf Papier gezeichnet.»

Anspieltipps:

Zu den stärksten Momenten zählt «Damascus», das die hypnotischen Klänge des syrischen Musikers Omar Souleyman mit dem Flow von Yasiin Bey verbindet. Emotionaler wird es in «The Moon Cave», wo posthume Stimmen von Bobby Womack und Dave Jolicoeur (De La Soul) dem Song besondere Tiefe verleihen.

Mit «The Manifesto» setzen Gorillaz schließlich ein energiegeladenes Ausrufezeichen zwischen Aufbruch und Endzeitstimmung. Der Track bringt die Spannweite des Albums gut auf den Punkt: zwischen Hoffnung, Zweifel und dem Blick nach vorn.

Für wen sich das Album lohnt:

«The Mountain» ist kein Popalbum für nebenbei. Die vielen Collabs, Stimmungen und Themen verlangen Aufmerksamkeit. Wer sich jedoch auf die Mischung aus internationalen Sounds, persönlichen Geschichten und gesellschaftlichen Fragen einlässt, bekommt ein vielschichtiges und geschlossenes Gorillaz-Werk. Oder, wie Albarn es formuliert: eine Welt für sich.

© dpa-infocom, dpa:260227-930-742859/1

Amy Harris/Invision/AP/dpa | Gorillaz-Sänger Damon Albarn verlor kurz vor Aufnahme des Albums seinen Vater. Die Emotionen bringt er auch in dem Album unter. (Archivbid)

Jamie Hewlett/Kong/dpa | Das neunte Studioalbum der Band erscheint erstmals unter ihrem eigenen Album Kong Records. (Archivbild)

Jamie Hewlett/Universal/dpa | KI ist für Charakter-Schöpfer Hewlett ein Fremdwort – und setzt auf eigene Kreativität bei Gestaltung der Figuren. (Archivbild)